Die Entstehung der Brunnisach-Hexen zu Fischbach

Los a mol! Die Geschichte der alten Frau Brunnisach

Vor langer, langer Zeit lebte nahe der Mühle zu Fischbach ein altes Fraulein, das war so alt, dass sich nicht einmal die Dorfältesten daran erinnern konnten, wie es jung ausgesehen hatte. Alle Fischbacher pflegten zu ihr zu gehen, wenn sie Probleme hatten und nicht mehr weiter wussten. Mit ihrem klugen Buch der lichten Weisheiten und ihrem sprechenden Raben half sie den Menschen. Sie vertrieb Liebeskummer, wusste Rat bei Sonnenbrand und Warzen, verteilte Aufgaben und Übungen, mit denen sich jeder, der wollte, selber helfen konnte.

Bekannt war sie als Frau Brunnisach, weil sie so nah am Bächlein weilte, wohnte und wirkte und weil niemand sagen konnte, ob das Bächlein vor oder nach ihr in Fischbach aufgetreten war. Für ihre heilenden Brühen nutzte Frau Brunnisach das Wasser des Mühlenbrunnens. Immer wenn sie für ihr Arzneigebräu Krötenspeichel brauchte, trug ihr kräftig flatternder Rabe Wawitt sie in das tiefe, düstere Brunnenloch. Dort lebten die kleinen Zauberkröten, denen sie den wertvollen Saft aus den Mäulchen schabte. Zum Dank für ihre Abgaben schenkte Frau Brunnisach ihnen regelmäßig saure Sahne, mit der sie sich gegenseitig eincremen und ihre Krötenhaut geschmeidig halten konnten. Hatte die alte Frau genug Speichel gesammelt, so rief sie dreimal hintereinander mit den Worten „Los a mol!“ nach ihrem Raben. Der schrie dann jedesmal laut „Wa witt?“ zurück. „Hol mi rauf!“ Das war das vereinbarte Signal für Wawitt, mit seinem Frauchen auf dem Rücken aus dem Brunnen zu fliegen.

Ohne Wawitt konnte sich Frau Brunnisach nicht aus dem Mühlenbrunnen befreien. Das wussten auch die trunkenen Zwerggeister, die der alten Meisterin ihre Beliebtheit bei den Fischbachern missgönnten. Also beschlossen sie kurzerhand, den treuen Raben einzufangen und in einen Käfig auf den Vitusplatz zu sperren.

„Los a mol! Los a mol! Los a mol!“, rief Frau Brunnisach eines Tages aus dem Brunnen. So wie es alle seit eh und je gewohnt waren. Doch Stille. Wo blieb das „Wa witt?“ - Wawitt musste im Käfig ausharren, bewacht von übel gelaunten Zwerggeistern. „Los a mol! Los a mol! Los a mol!“ - Pause. Nichts geschah. „Los a mol! Los a mol! Los a mol!“ - Längere Pause. Wawitt blieb stumm. Frau Brunnisach ahnte, dass da etwas nicht stimmen konnte, und ihr immer besorgteres „Hol mi rauf! Hol mi rauf!“ erklang aus dem Mühlenbrunnen.

Stunden vergingen. Tage vergingen. Kein „Wa witt?“ war zu vernehmen. Die alte Frau Brunnisach darbte im Brunnenloch. Der Rabe blieb gefangen. Die Krötchen schrien kläglich, weil niemand ihnen ihre geliebte saure Sahne brachte. Und die liederlichen Zwerggeister tanzten um den Rabenkäfig.

Die Fischbacher trauten sich nicht, gegen die mächtigen trunkenen Zwerggeister aufzubegehren, auch als das Jammern der Zauberkröten immer lauter und unerträglicher wurde. Schlimmer noch für die Fischbacher: Wer  sollte ihnen von nun an den Kummer vertreiben, ihre Leiden kurieren, ihr Krötengebräu mischen? Als nach einiger Zeit die Menschen im Dorfe mehr krank denn gesund waren, versammelten sich die ratlosen Einwohner im Fischbacher Hof.

Nachdem sie lange beratschlagt hatten, nahmen sie all ihren Mut zusammen und stürmten mit Besen bewaffnet auf den Vitusplatz, um die liederlichen Zwerggeister zu vertreiben und Wawitt zu befreien. Mit solch wehrhaften Fischbachern hatten die Zwerge nicht gerechnet. Und so konnte Frau Brunnisach schon bald auf Wawitts Rücken aus dem Brunnen fliegen, mit derart großem Vorrat an Krötenspeichel, dass sie die meisten Plagen und Beschwerden eilig geheilt hatte.

Für die Zwerggeister schien sich nach dieser Niederlage der Horizont über dem Bodensee schlagartig zu verdunkeln. Sie verkrochen sich rund um das Dorf in ihren engen Erdhöhlen und Felsspalten und blieben für die Fischbacher lange ein unsichtbares Volk. In dieser unterirdischen Zeit trugen die Zwerggeister bittere Kämpfe untereinander aus. Die grausamen und hinterlistigen Zwerge hatten das Nachsehen. Die gütigen und freundlichen unter ihnen gingen als Sieger hervor und unterstützten fortan mit ihren übernatürlichen Kräften die Wohltaten der Frau Brunnisach. Eifrigere und zuverlässigere Wächter des Brunnenlochs waren nimmer gesehen.

Viele Monde vergingen. Die alten Zauberbilder schwanden. Wer sich heut‘ noch traut und an den Rand des Brunnens tritt, wer stille ist und horcht, der kann’s vernehmen, das leise „Los a mol!“, das aus der Tiefe dringt.


recherchiert und aufgeschrieben im April 2002 von unseren Hexen Thomas u. Ralf

Brunnisach-Hexen Fischbach e.V.